Bürgerinitiative „Steinhof als Gemeingut erhalten und gestalten“

„Für die Ärmsten das Schönste“, dieses Motto des Erbauers,
sollte auch weiterhin Maßstab für die Zukunft des
Otto Wagner Spitals am Steinhof sein.

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Christine Muchsel falter-christine-muchsel-steinhof

veröffentlicht am 9. Januar 2020 | von Bürgerinitiative Steinhof

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Otto-Wagner-Areal: was bisher geschah (1981 – 2019)

1981 werden die heutigen Steinhofgründe – ehemals landwirtschaftlich genutzte Flächen der „weißen Stadt“- durch eine Bürgerinitiative vor Wohnverbauung gerettet und der Bevölkerung als Naherholungsgebiet geöffnet.

2006 wird im Wiener Gemeinderat die Flächenumwidmung für das OWS beschlossen, wobei durch Entfernen des Zusatzes Bauland „für öffentliche Zwecke“ weite Bereiche für Privatisierung, Zwischen- und Randverbauungen aufbereitet werden. Die Privatisierungsabsichten erweisen sich durch das Infrastruktur-Ringleitungssystem teuer und schwierig. Gesiba plant Wohnverbauung bis zur Mittelachse, Start im „Wirtschaftsareal“ mit 600 Wohnungen, kauft dort einen kleinen Bereich und erhält Vorkaufsrecht für die restlichen Bereiche.

Dezember 2010: Gründung der Bürgerinitiative zur unverbauten Rettung des Ensembles in öffentlichem Eigentum und seiner ökologisch schonenden Nutzung im Sinne des Gemeinwohls.

Herbst 2011: Bürgermeister Häupl postuliert: Zurück an den Start, auch Gesiba-Wohnbau kann in Frage gestellt werden. Im Rahmen eines von Vizebürgermeisterin Vassilakou ins Leben gerufenen Mediation (April 2012-April 2013) werden gemeinsam mit Vertretern der Stadt Wien künftige Nutzungsinhalte des Areals, nach geplanter Absiedelung des Spitalsbetriebes durch den KAV, festgeschrieben: Soziales, Medizin, Lehre, Forschung, Kunst, Kultur.
Dem Architekturjournalisten Kapfinger gelingt es, die Stadt Wien von einem verantwortungsvolleren Umgang mit der Anlage zu überzeugen, was die Einschaltung eines
Expertengremiums zur Folge hat. Dessen Auftrag lautet, die Bebaubarkeit des Wirtschaftsareals zu prüfen. Ergebnis: 8 Empfehlungen zum langfristigen Schutz des Gesamt-Ensembles, Punkt 9 lagert den eigentlichen Arbeitsauftrag in ein eigenes

Entwicklungsplanungs-Verfahren aus („ergebnisoffen“, mutiert schnell zum Gesiba-Wohnbauverfahren). Die wichtigsten Empfehlungen des Expertengremiums lauten: Areal soll in öffentlichem Eigentum verbleiben, ehebaldige Schaffung einer gemeinsamen Verwaltung, Wirtschaftsareal darf räumlich und funktional nur im Zusammenhang mit der Gesamtanlage betrachtet werden, Flächenumwidmung zum Schutz aller unverbauten Bereiche außer den in der Entwicklungsplanung zu eruierenden Bauplätzen im Wirtschaftsareal. Sollten die letzten potentiellen Baulandreserven schon jetzt verbaut werden, wird wegen Fehlens eines Nachnutzungskonzeptes großer Wert auf deren langfristig flexible Nutzbarkeit gelegt ( dem widersprechen die von der Gesiba geplanten Miet- bzw. Genossenschaftswohnungen).
Gesiba erhält den Kaufpreis für Bauland zurück, verzichtet auf das erworbene Vorkaufsrecht und erhält statt dessen die Zusage einer 99jährigen Baurechtspacht für ihre Vorhaben.

Nov.2013 liegt das Ergebnis der Entwicklungsplanung inkl. Bauplatzvorschlägen (siehe Beilage)vor. Gesiba möchte darauf 10 Wohnbauten errichten und die Pavillonreihe zwischen Vamed-Rehab und vorhandenen Therapie-Einrichtungen zu Wohnungen umbauen.

Die WSE (Wiener Stadtentwicklungsgesellschaft) erhält von der Stadt Wien den Auftrag, bis Dez.2016 ein Nachnutzungskonzept (Kostenpunkt Euro 450.000,-) vorzulegen, da der KAV sämtliche Gesundheitseinrichtungen bis 2023 vom OWS absiedeln möchte. Gesprächsverweigerung aller politisch Verantwortlichen mit der Bürgerbewegung ab Nov. 2013, denn „Kommunikation hat bereits stattgefunden“.

2014: Ein Stiftungsexperte schlägt uns die Errichtung einer gemeinnützigen öffentlichen Stiftung vor, die von der Stadt betrieben werden kann und laut Aussagen der Wiener Grünen die mit Abstand preisgünstigste Verwaltungsform darstellen würde. Die Wiener SPÖ lehnt ab.

Dez.2016: Statt des erwarteten Nachnutzungskonzeptes legt WSE der Stadt Wien eine Investitionskalkulation vor. Um, wie beabsichtigt den künftigen Nutzern eine 99jährige Baurechtspacht anbieten zu können, muss die gesamte Infrastruktur (Wasser, Kanal, Strom, Straßen), die bislang in Form von Ringleitungen die Anlage gemeinsam versorgen, in kleinen Einheiten neu errichtet werden – bedeutet 40 – 50 Mio. Euro Vorinvestition. Das Papier verschwindet, ohne der Öffentlichkeit vorgelegt worden zu sein, in den Schubladen der Stadt Wien.

Frühjahr 2017: Nördlich und südlich des Pathologie-Gebäudes, einem „Solitär“ des Ensembles, werden 99 Bäume geschlägert und Gesiba beginnt mit der Errichtung der ersten vier Wohnhäuser. Genau an jener Stelle, vor deren Verbauung die verfahrensbegleitende Kunst- und Ensemblehistorikerin Frau Prof. Plakolm bei der Ortsbegehung mit den planenden Architekten ausdrücklich gewarnt hat, da diese Freiräume wichtige ensemblegestaltende Elemente darstellen.
Viele engagierte Fachleute der unterschiedlichsten Disziplinen haben sich in den letzten Jahren mit interessanten Vorschlägen für Nachnutzung und deren Finanzierung, ja sogar mit Konzepten für die Gesamtanlage, an uns gewandt. Offizieller Ansprechpartner war ja für alle am Thema Interessierten jahrelang ausschließlich die WSE, die sich als nicht wirklich ansprechbar erwies.

Im Herbst 2017 erfährt die Bevölkerung von Gesprächen der Stadt Wien mit der Central European University in Budapest bezüglich Übersiedlung auf das Areal des OWS. Im Frühjahr 2018 unterzeichnen die Verhandlungspartner ein „Paper of Understanding“, im Dezember 2018 erfolgt die Unterzeichnung eines Vorvertrages für die Anmietung von 17 Pavillons östlich der Mittelachse. Der Vollbetrieb am Otto Wagner Areal soll im Studienjahr 2023/24 aufgenommen werden, zwischenzeitlich stellt die Stadt Wien Ersatzquartiere für einzelne, bereits 2019 zu übersiedelnde, Studienrichtungen zur Verfügung.
Mediziner plädieren seit Jahren für den Ausbau des Areals als psychosoziales Kompetenzzentrum mit bislang fehlenden Therapie- und Rehabeinrichtungen. Teure Schwerpunktkrankenhäuser alleine können die medizinische Versorgung der Bevölkerung nicht abdecken. Mit der Vamed im Wirtschaftsareal, ihrer orthopädischen und neurologischen Rehab, der Reittherapie und der großen Gärtnerei bietet das OWS durch Naturnähe und Reizabschirmung ideale Voraussetzungen.

Das Areal des Otto Wagner Spitals stellt für Wien und seine Bevölkerung eine wertvolle Ressource dar, mit der nicht gedankenlos umgegangen werden darf. Die großen Chancen, die die Anlage der Gesellschaft langfristig bietet, bestehen nur jetzt und dürfen nicht leichtfertig vergeben werden. Die Schaffung einer funktionierenden Betreibergesellschaft sowie eines nachhaltigen Nutzungskonzeptes stellt für die Stadt Wien eine große Herausforderung dar. Wir fordern daher abermals Kommunikationsbereitschaft und gemeinsamen Gestaltungswillen der politisch Verantwortlichen ein, damit am runden Tisch mit den vielen engagierten Fachleuten, Vertretern der Stadt sowie diversen Magistratsabteilungen schnell gute Lösungen für die Zukunft des gesamten Areals gefunden werden können.


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